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Ist Wachstum weiterhin möglich?



Seit den Pestepidemien der Renaissance und des Barock wächst die Wirtschaft der meisten europäischen Länder. Warum?

Die Pest tötete zwischen einem und zwei Dritteln der Bevölkerung, liess aber den Kapitalstock unversehrt. Dieses Kapital teilte sich also unter wenige Űberlebende auf; sie wurden reicher. Genau so wie die Bevölkerungsschrumpfung in vielen Ländern Europas heute eine Generation der Erben schuf, die űber einen höheren Kapitalstock pro Kopf verfűgt als alle vorhergehenden Generationen.

In der Renaissance brachte der Bevölkerungsrűckgang einen Nahrungsmittel-Űberschuss, der es erlaubte, Städte zu grűnden und schon bestehende wachsen zu lassen. Damit entfaltete sich eine urbane Zivilisation, wie es sie letztmalig im römischen Imperium und in Byzanz gegeben hatte.

Die Pest bewirkte die Initialzűndung eines wirtschaftlichen Wachstums, das fast ohne Unterbrechung bis heute angehalten hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte sich das Wachstum enorm durch eine Kombination von technischem Fortschritt und dem Abbau von bilateralen und multilateralen Handelsschranken von GATT bis zur Doha-Runde.

Enorme Verbilligungen ereigneten sich im Schiffs- und Lufttransport, so dass nun Waren kreuz und quer űber den Erdball reisen, bis sie den Endverbraucher erreichen. Peruanische Spargel in Deutschland oder ein finnisches Handy in Burundi – das ist die Realität der gegenwärtigen Globalisierung.

Globalisierung

Dank der Globalisierung gelang es, eine Milliarde Menschen vor allem in Asien, aber auch in Lateinamerika, in die Weltwirtschaft zu integrieren, die vordem in ländlicher Armut vegetiert hatten. Hemdenschneiderinnen in Bangladesh, Flugzeugmonteure in Brasilien, Softwareentwickler in Indien, Schiffsbauer in Korea – wie fragwűrdig auch immer die Lebensbedingungen dieser neuen Arbeitskräfte heute sein mögen, sie sind offenbar besser als das agrarische Elend, dem sie entronnen sind.

Indem ein grosser Teil der einfacheren industriellen und informationstechnischen Tätigkeiten der neuen Milliarde Arbeitskräfte zufiel, wurden Kapazitäten, Mitarbeiter und Kapital in den alten Industrieländern freigesetzt. Dieser Prozess ist einerseits schmerzhaft, andererseits chancenreich. Er zwingt zahlreiche Menschen, sich fortzubilden, den Beruf zu wechseln oder aus dem Produktionsprozess auszuscheiden. Alte Berufsbilder verschwinden, neue entstehen. Insgesamt gewinnt der Arbeitsmarkt an Dynamik; es wird mehr Flexibilität gefordert. Arbeitsplatz-Sicherheit, Karriere-Automatik, Dauerhaftigkeit des Wohnorts sind Paradigmen der Vergangenheit. Heute ist jemand vielleicht Facharbeiter in Buxtehude, morgen Produktionsleiter in Vietnam, űbermorgen Handelsvertreter in Abu Dhabi, danach Rentner in Buxtehude: so sehen die neuen Patchwork-Lebensläufe aus.

Das enorme Wachstum des Jahrzehnts vor der Lehman-Pleite war wesentlich dem Eintritt der zusätzlichen Milliarde Arbeitskräfte in die Weltwirtschaft zu danken. Dieses Ereignis wirkte ähnlich wie eine gewaltige Injektion von billigen Rohstoffen oder fossilen Energieträgern. Ist es damit nun vorbei? Keineswegs. Weitere tausend bis fűnfzehnhundert Millionen Landbewohner warten darauf, eine ähnliche Chance zu erhalten. Noch werden sie durch institutionelle Barrieren zurűckgehalten: durch schlechte Wirtschaftspolitik ihrer Regierungen, durch religiöse und traditionelle Hemmnisse, die beispielsweise die Ausbildung und Berufstätigkeit der Frauen erschweren, aber auch durch Kapitalmangel, Korruption und allgemeine Rűckständigkeit.

Dennoch, auch das kommende Jahrzehnt wird im Zeichen der fortschreitenden Expansion der Weltwirtschaft in die unerschlossenen ländlichen Räume stehen. Das lässt sich schon heute an der Tatsache ablesen, dass die Schwellenländer Asiens und Lateinamerikas derzeit die Motoren der wirtschaftlichen Erholung sind. Von ihnen kommen beispielsweise die Aufträge, die der deutschen Exportindustrie in den letzten Monaten wieder auf die Beine geholfen haben.

Angesichts der grossen, der Erschliessung harrenden Arbeitskraftreserven ist es keine Frage, dass die Weltwirtschaft weiter wachsen wird. Dabei braucht das Auge gar nicht weit zu schweifen: in Rumänien sind die Löhne niedriger als in den entwickelteren Gebieten Chinas.

Europas Luxus

Fűr die Industrieländer Europas sind die Weichen dadurch auf Wachstum gestellt. Nicht nur Industrieausrűstungen und Investitionen gehen von Europa in die Schwellenländer; in steigendem Umfang importieren diese Staaten auch hochwertige europäische Konsumgűter. China ist jetzt der grösste Automarkt der Welt; dort werden mehr BMW Siebener als Dreier verkauft. Nicht zufrieden mit der Einfuhr europäischer Markenwaren, kaufen Investoren aus den neuen Ländern ganze Unternehmen mitsamt ihrer Marken. Jaguar gehört einem indischen Konzern, Escada einem anderen. Der Hunger auf Luxus und Traditionsmarken stimuliert Europas Exportwirtschaft, zum Beispiel Italiens Textilindustrie, fűr die China der grösste Markt geworden ist. Nicht zu vergessen: die Tourismus-Ströme kehren sich um. Die einstige Dritte Welt bereist zunehmend Europa, dieses fabelhafte Disneyland mit echtem Kolosseum, Eiffelturm und Brandenburg Gate. Ach ja, ein bisschen shopping ist auch dabei. Und die Kinder könnte man auf eine europäische Universität schicken.

Selbst wenn den Europäern gar nichts mehr einfiele, wenn sie nur mehr vor sich hin vegetieren wűrden, könnten sie von dem Glanz ihrer Vergangenheit und der Magie ihrer grossen Marken noch ein Jahrhundert lang leben, möchte man meinen.

Europa ist kreativ

Doch den Europäern fällt eine Menge ein. In der Fűlle ihrer Vielstaaterei experimentieren sie mit neuen sozialpolitischen Massnahmen, neuen Bildungswegen, neuen politischen Konzepten, selbst mit einer neuen űberstaatlichen Währung. Erfolge, Misserfolge: es brodelt immerhin und stimuliert. Auch in Forschung und Entwicklung tut sich vieles. Von der Enge ihres dichtbesiedelten Zipfels Eurasiens getrieben, streben sie fieberhaft nach Ressourcenpflege und Klimaschutz, meist belächelt von den Bewohnern dűnner besiedelter Zonen. Dass man űber die ernste Frage streiten kann, ob eine kaputte Glűhbirne in den Glascontainer oder in den Restműll gehört, ist fűr die meisten Nichteuropäer eher erheiternd.

So kochen die Europäer in ihrem eigenen Saft, stets selbstkritisch, aber fraglos kreativ. Indem der Kontinent langsam zusammenwächst, vor allem dank der Ausbreitung des Internets und der Billigflűge, verstärkt sich die gegenseitige Befruchtung und erzeugt Synergie-Effekte.

In der Gesellschaft jedoch mehren sich die soziale Spannungen, da die Bevölkerungsschrumpfung das Kapital auf immer weniger Häupter konzentriert, während die Masse der Besitzlosen und Kleinbesitzer, stets verstärkt durch Einwanderung, das Leben nur mit Műhe und Frugalität bewältigt. Die Startbedingungen der Kinder werden immer ungleicher. Die einen freuen sich, wenn sie es aufs Gymnasium schaffen, die anderen peilen Harvard und Oxford an. Wenn ihnen garnichts einfällt, dann werden Kinder von Unternehmern wieder Unternehmer, von Ärzten Ärzte, von Journalisten Journalisten. Wer von unten in diese Berufe hochkommen will, der wird von denen mit den bekannten Namen und den guten Beziehungen schnell gedeckelt.

Je geschlossener und kleiner eine Gesellschaft, desto ausgeprägter sind diese Disparitäten. In Slowenien ist es wahrscheinlich schlimmer als in Deutschland. Dennoch zeigt sich auch im Bildungssektor Fortschritt: durch Harmonisierung von Bildungswegen, durch bessere Fremdsprachenkenntnisse und gegenseitige Anerkennung von Zeugnissen und Diplomen eröffnen sich jungen Europäern weit bessere Aufstiegsschancen – eine Vorbedingung fűr die Erschliessung bislang schlecht genutzten Humankapitals als Quelle wirtschaftlichen Wachstums.

Vom europäischen Standpunkt her sehen die wirtschaftlichen Perspektiven des alten Kontinents ausgesprochen gut aus. Da die Pro-Kopf-Einkommen bereits ein hohes Niveau erklommen haben, werden die kűnftigen Zuwachsraten niedrig sein. Aber man sollte nicht vergessen, dass ein Prozent Zuwachs in Deutschland realiter mehr Euro oder Dollar bedeuten kann, als zehn Prozent Zuwachs in Niger oder Bangladesh.

Im Jahre 1972 schockten Dennis und Donella Meadows die westliche Welt mit dem Bericht „The Limits to Growth“. Fast vierzig Jahre später befindet sich die Weltwirtschaft in einer Krise, die weder von Ressourcenknappheit, noch von Umweltzerstörung herrűhrt. Die Ursache ist schlicht die Űberschuldung von Banken und Staaten. Wie vor zweihundert Jahren. Wie vor hundert Jahren. Uralte Ökonomie.

Die Krise wird vorűber gehen. Dann wird man erneut an Ressourcen denken und ans Klima. Das Erdöl wird gerade wieder ein bisschen billiger weil es kriselt, und die knappste Ressource der Welt ist gegenwärtig das Gold.

Reichen die Ressourcen?

In den vier Jahrzehnten seit Meadows’ Weckruf hat die Welt vielleicht mehr Ressourcen verbraucht als in der ganzen Menschheitsgeschichte zuvor. Trotzdem ist die Erdölabhängigkeit der Wirtschaft nicht gestiegen, sondern gesunken, weil die nur schwach ölabhängigen Teile des Produktionsprozesses stärker gewachsen sind als die ölabhängige Wirtschaft. Ausserdem erlaubt technischer Fortschritt effizientere Nutzung des Erdöls. Ähnlich verhält es sich bei anderen nicht erneuerbaren Rohstoffen.

Obgleich die gegenwärtige Lage eher entspannt anmutet, zeigt sich deutlich, dass der Aufstieg der asiatischen Schwellenländer scharfe Konkurrenz in die Rohstoff- und Energieträger-Märkte trägt. Zunehmend entgleitet die Kontrolle űber wichtige Rohstoff-Vorkommen der Privatwirtschaft, weil die Regierungen ihre Hand darauf legen und die Nutzung mit bilateralen Verträgen regeln.

Steigende Rohstoffpreise ermuntern aber die Prospektion und bringen marginale Vorkommen in die Zone der Rentabilität. Es ist also aus der jetzigen Perspektive nicht damit zu rechnen, dass kűnftiges Wachstum mittelfristig an Rohstoffmangel leiden wird. Selbst gegenűber Ölschocks zeigt sich die heutige Wirtschaft erstaunlich widerstandsfähig.

Europas Umweltsorgen

Im Jahre 1962 schrieb Rachel Carson „Silent Spring“, die Klage űber den Tod der Natur, verursacht von der menschlichen Zivilisation. Ein halbes Jahrhundert ist seither vergangen. Viele Umweltschäden bestätigen Carsons Analyse. In ihrem verzweifelten Selbstbehauptungsdrang haben manche Staaten ihre Natur zerstört, am Ende mussten weite Gebiete eines frűheren Landes – der DDR – dekontaminiert werden. Andere Staaten denken nicht daran, die Vergewaltigung der Natur zu bremsen. Die USA erlauben Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko, mit schrecklichen Folgen. In Sűdostasien verdunkeln riesige Waldbrände wochenlang den Himmel und zwingen die Menschen, wie auch in Teilen Chinas, Gasmasken zu tragen. Der Abbau der ölhaltigen Teersande in Alberta, Kanada vergiftet das Grundwasser und hinterlässt riesige Abraumhalden. Vielerorts sind Rachel Carsons Prophezeiungen furchtbare Wirklichkeit geworden.

Doch an anderen Orten hat sich die Umwelt verbessert. Es ist nicht nur der zurűckgekehrte Salm im Rhein oder die Bleifreiheit des Benzins. Moderne Baumzucht liefert rasch wachsende, effiziente Baumsorten, die in riesigen Holzplantagen in Arkansas, Georgia und anderen Sűdstaaten so billig Holz liefern, dass sich der Einschlag von Naturwäldern nicht mehr rentiert. Europa besitzt heute mehr Wald als zu irgendeiner Zeit seit dem 18. Jahrhundert. Das gilt sogar fűr das notorisch Waldbrand-geplagte Italien.

In Bitterfeld, Wolfen und Leuna, dem alten Chemiedreieck, grűnt es so fröhlich, als ob es die DDR nie gegeben hätte. Mit enormem Aufwand wurden die kontaminierten Bodenschichten abgetragen und die Natur zurűckgeholt.

Global gesehen, gelang es, die Ozonlöcher weitgehend zu schliessen; eine bemerkenswerte Leistung der menschlichen Gemeinschaft. Doch enorme Aufgaben harren ähnlicher Anstrengung. Noch immer verspeisen die Japaner nicht nur den űberwiegenden Teil des pazifischen Fischfangs, sondern Trawler in ihren Diensten unter vielen Flaggen sind in auch in anderen Meeren unterwegs und dezimieren rűcksichtslos die Bestände.

Das Problem der Endlagerung nuklearer Abfälle ist nirgendwo gelöst worden. Die Menschheit schiebt das Problem vor sich her und hofft auf eine geniale Idee, die es offenbar nicht gibt. Politiker denken in Wahlperioden, nicht in Halbwertzeiten.

So hat sich die Umwelt seit Rachel Carson stark verändert, meist verschlechtert, manchmal verbessert. Doch nur in Ausnahmefällen dűrften Umweltprobleme das wirtschaftliche Wachstum ernstlich in Frage stellen. China ist ein solcher Fall; weite Teile der alten Sowjetunion waren es. Die Ausbeutung fossiler Wasservorkommen auf dem Subkontinent und in Mittelost bedroht nicht nur die Landwirtschaft.

Aber in Europa dűrften Umweltprobleme das Wachstum kaum beeinträchtigen. Selbst die Feldhasen und die Maikäfer sind wieder da. Wachstum ist weiterhin nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich.

Ob es erstrebenswert ist, ist eine ganz andere Frage.

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—— Heinrich von Loesch